| Anna Katharina Hahn, Kürzere Tage 223 S. Suhrkamp 8,90 €
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Anna Katharina Hahn, Kürzere Tage. Suhrkamp 2009, 223 S.
In ihrem ersten Roman gelingt es Anna Katharina Hahn trotz Konzentration auf wenige Figuren und einen eng begrenzten Raum
(der Roman spielt in einer einzigen Strasse in Stuttgart) ein gesellschaftliches Panorama aufzuspannen, in dem heutige
weibliche Lebenswirklichkeit genau beschrieben wird. Mich hat an diesem Buch beeindruckt, wie Hahn die soziologischen
Milieus der Protagonisten mit leichter Hand überzeugend schildert. So kommt eine der Hauptfiguren, Leonie, aus reichem Elternhaus und hat in ihrer unbeschwerten Tennis-Club-Jugend ein ausreichendes Selbstvertrauen erlangt, um nicht an sich selbst zu zweifeln, auch wenn sie gerade an ihrer momentanen Lebenssituation zweifelt. Sie hetzt sich zwischen Job und ihren beiden wilden kleinen Mädchen ab, der Mann ist wegen Karriere kaum da, aber sie liebt Arbeit, Kinder, Mann und sich selbst. Anders die zweite Hauptfigur, Judith, deren seelische Abgründe Hahn überzeugend schildert. Als Ganztagshausfrau erzieht sie ihre braven Jungs in Filzjacken streng nach den Vorgaben der Waldorfpädagogik. Aber die Waldorf-Regeln sind für Judith ein verzweifelter Versuch, ihrem Leben Halt und Struktur zu geben und gegen eine Angststörung anzukämpfen, die sie an der Uni entwickelt hatte. Aus einer Handwerkerfamilie stammend schaffte sie schon ihr Studium der Kunstgeschichte nur unter Maske der verruchten Intellektuellen in schwarzem Leder und Stilettos, unter der sie ihre Sehnsucht nach Idylle verbarg. Die erzählte Zeit im Roman erstreckt sich nur über wenige "kürzere Tage" im Herbst, in denen das Leben der beiden Hauptfiguren auf einen Wendepunkt zuläuft, wobei die Handlung durch einige Nebenfiguren vorangetrieben wird, die einerseits prototypisch über sich hinaus auf weitergehende gesellschaftliche Zusammenhänge weisen. Andererseits werden sie von Hahn aber so individuell-menschlich geschildert, dass man als LeserIn gerne Anteil an ihrem Schicksal nimmt. |